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0 Griechische Lautlehre

0.6  W I C H T I G E   L A U T G E S E T Z E

Ablaut
 Auslautregeln
 Elision
 Ersatzdehnung
Halbvokale Jod & Digamma
 Konsonantenhäufung
 Vokalkontraktion
 Krasis
 Quantitätentausch


  Ablaut
 
 

Neben dem Gebrauch von Suffixen (z. B. Kasusendungen, Personalendungen) und Präfixen (z. B. Augment, Reduplikation) ist der so genannte Ablaut das wichtigste Mittel der Formenbildung. Hierbei handelt es sich um eine regelmäßige Veränderung des Stammvokals. Beide Mittel der Formenbildung treten auch im Deutschen in Erscheinung tritt.

zeigen <->
zeigte <->
gezeigt
lieben <->
liebte <->
geliebt
Bildung ohne Ablaut:



Die Formenbildung erfolgt ausschließlich durch die Suffixe -en, -te, -t, bzw. dem Präfix ge-. Die Stämme zeig- bzw. lieb- hingegen bleiben in allen Formen unverändert.


sprechen <-> sprach <->
gesprochen
beginnen <-> begann <->      begonnen
Bildung mit Ablaut:



Hier erfolgt die Formenbildung vor allem durch Ablaut, d. h. durch die Veränderung des Stammvokals:  e  <->  a  <->  o bzw. i <-> a <-> o. Die Möglichkeiten der Veränderungen des Stammvokals (Ablautreihen) sind im Deutschen weitaus zahlreicher als im Griechischen. Bei der Formenbildung des Griechischen treten lediglich folgende Ablautreihen in Erscheinung:



Grundstufe
abgetönte Grundstufe
Schwundstufe
Dehnstufe
abgetönte Dehnstufe
1.   
-ε-
πατέρα (Akk.)
<-> -ο- <-> -ø-
πατρός (Gen.)
<-> -η-
πατήρ (Nom.)
<-> -ω-

2.

-ει-

λείπω (Präs.)

<->

-οι-

λέλοιπα (Perf.)

<->

-ι-

λιπον (Aor.)


-


-

3.

-ευ-
φεύγω (Präs.)

<->

-ου-


<->

-υ-

φυγεῖν


-


-

4.

-ᾱ-
bzw. -η-
φημί
(Präs. Sg.)

<->

-α-


<->

-ᾰ-

φ
μν (Präs. Pl.)


-


-

5.

-η-

τίθημι
(Präs. Sg.)

<->

-

<->

-ε-

τίθεμεν
(Präs. Pl.)


-


-

6.

-ω-

δίδωμι
(Präs. Sg. )

<->

-

<->

-ο-

δίδομεν
(Präs. Pl.)


-


-



In der Schwundstufe der 1. Ablautreihe erscheint unter Einfluss der Liquid- bzw. Nasallaute (-λ-, -ρ-, -ν-) der Stützvokal -α-:


Grundstufe
Schwundstufe
1.   
-ελ-
στελ (Fut.)
<->
-øλ-  >  -αλ-
ἔσταλκα (Perf.)

2.

-ερ-
διαφθερ (Fut.)

<->

-øρ-  >  -αρ-
διέφθαρκα (Perf.)

3.

-εν-
τεν (Fut.)

<->

-øν-  >  -α-
τέτακα (Perf.)



  Auslautregeln
 
 

Allgemeine Auslautbeschränkung

  • Ein griechisches Wort endet entweder auf einen Vokal oder auf einen der drei Konsonanten -ν-, -ρ-, -ς- (bzw. -ξ-, -ψ-).
  • Alle anderen Konsonaten im Auslaut eines Wortes entfallen ersatzlos (z. B. σῶματ > σῶμα).

Bewegliche Endkonsonanten

  • In der 3. Person des Verbs nach -ε-  und -ι- sowie im Dativ Plural nach -σι- steht vor Vokalen und am Satzende stets ein bewegliches -ν- (z. B. : ἐπαίδευεν; παιδεύουσιν; ἐστίν; ἁλσίν).
  • Bei der Präposition ἐκ und dem Adverbialpronomen οὕτω steht vor Vokalen meist ein bewegliches -ς-: ἐξ (< ἐκς), οὕτως.
  • Bei der Negationspartikel οὐ steht vor Vokalen mit spiritus lenis -κ-, vor Vokalen mit spiritus asper -χ- als beweglicher Guttural (z. B. οὐκ χει; οὐχ ξω).


  Elision
 
 

Elision bezeichnet den Ausfall der kurzen Endvokale -α-, -ε-, -ι- und -ο- vor vokalischem Anlaut. ist der KennzeichenApostoph (z. B. ἀλλ γώ > ἀλλ γώ).

Die stimmlosen Verschlusslaute -κ-, -π- und -τ- werden vor spiritus asper assimiliert und zu den entsprechenden aspirierten Verschlusslauten -χ-, -φ- und -θ- umgebildet (z. B. ἀπὸ ἵππων > ἀπ’ ἵππων > ἀφ’ ἵππων; μετὰ ὑμῶν > μετ’ ὑμῶν > μεθ’ ὑμῶν).

Im Wortinneren wird die Elision nicht durch den Apostroph gekennzeichnet (z. B. ἀπὸ-ἦσαν > ἀπ-ῆσαν).


  Ersatzdehnung
 
 

Als Ersatz für den Ausfall eines Konsonaten (v. a. von -σ-, -ν- und -j-) wird der vorausgehende kurze Vokal in einigen Fällen gedehnt. Die Dehnung von -ε- und -ο- wird dabei in der Schrift durch die "unechten" Diphthonge -ει- und -ου- wiedergegeben. Durch Ersatzdehnung wird:
  • > η bzw. (ἐφανσα > ἔφνα > ἔφηνα)
  • ε > ει (ἐστελσα > ἔστειλα; ἐσμι > εἰμί)
  • > (ἐκρνσα > ἔκρνα)
  • ο > ου (λογονς > λόγους)
  • > (ἰχθυνς > ἰχθς)

  Halbvokale Jod & Digamma
 
 

Die beiden Halbvokale -j- und -Ƒ- sind im attischen Dialekt durchweg geschwunden. Für die Formenbildung sind jedoch insbesondere die Nachwirkungen des ursrünglichen -j- als Präsens- bzw. Komparativsuffix von Relevanz. Das -j- ist:
  • endweder unter Ersatzdehnung des vorausgehenden Vokals geschwunden (τενjω > τείνω).
  • oder in die vorausgehende Silbe als -ι- hineingezogen (φανjω > φαίνω).
  • oder wird dem vorausgehenden Konsonanten angeglichen:
    • -πj-, -βj-, -φj- > -πτ- (βλαβjω > βλάπτω)
    • -τj-, -θj-, -κj-, -χj- > -ττ- (φυλακjω > φυλάττω; θαχjων > θάττων)
    • -λj- > -λλ- (στελjω > στέλλω)
    • -δj-, -γj- > -ζ- (ἐλπιδjω > ἐλπίζω; μεγjων > με(ί)ζων)

  Konsonantenhäufung
 
 

Beim Zusammentreffen von mehreren Konsonanten wird die ansonsten schwer auszusprechende Konsonantengruppe zur leichteren Aussprache vereinfacht. Hierfür wird der erste Konsonant entweder ausgestoßen oder dem zweiten angeglichen, i. e. assimiliert. Bei Verschlusslauten gelten folgende Regeln:

vor:   
-μ-
wird zu:
-τ-
wird zu:
-θ-
wird zu:
-σ-
wird zu:
spiritus asper
Labial  (-π-, -β-, -φ-) -μμ-
-πτ-
-φθ-
-ψ-
-φ-
Guttural (-κ-, -γ-, -χ-) -γμ-
-κτ-
-χθ-
-ξ-
-χ-
Dental (-τ-, -δ-, -θ-)
-σμ-
-στ-
-σθ-
-(σ)σ-
-θ-








Der Nasal -ν- wird in folgender Weise angeglichen:
vor:
Guttural
-κ-, -γ-, -χ-
wird zu:
Labial
-π-, -β-, -φ-
wird zu:
Liquida
-λ-, -ρ-
wird zu:
Nasal
-μ-

wird zu:

-γκ- -μπ- -λλ- -μμ-

-γγ- -μβ- -ρρ-

-γχ- -μφ-

                                                                                                                    


  Vokalkontraktion
 
 

Treffen im Wortinneren zwei Vokale bzw. Vokal und Diphthong aufeinander, so werden beide in einen langen Vokal oder Diphthong zusammengezogen, i. e. kontrahiert. Es gelten folgende Regeln:

1. Diphthonge und Langvokale verschlingen gleichartige Kurzvokale:
  • ε + ει > ει (ποιέει > ποιεῖ)
  • ε + η > η (ποιέῃ > ποι)
  • η + ε > η (χρήεσθαι > χρσθαι)
  • ο + ω > ω (δουλόω > δουλ)
  • ο + ου > ουόου > νοῦ)
  • ο + οι > οι (ἁπλόοι > ἁπλοῖ)

2. Zwei gleichartige Kurzvokale fließen in ihre Länge zusammen und werden zu "unechten" Diphthongen:
  • ε + ε > ει (ποιέετε > ποιεῖτε)
  • ο + ο > ου (δουλόομεν > δουλοῦμεν)

3. Bei der Kontraktion von A-Lauten und E-Lauten setzt sich der voranstehende durch:
  • ε + α > η (γένεα > γένη)
  • α + ε > (τιμάεται > τιμται)
  • α + ει > (τιμάει > τιμ)
  • α + η > (τιμάητε > τιμτε)
  • α + > (τιμάῃ > τιμ)

4. O-Laute setzten sich stets gegenüber A-Lauten und E-Lauten durch:
  • ε + ω > ω (ποιέω > ποι)
  • ε + οι > οι (ποιέοιμι > ποιοῖμι)
  • α + ω > ω (τιμάω > τιμ)
  • α + ο > ω (τιμάομεν > τιμμεν)
  • α + ου > ω (τιμάουσι > τιμσι)
  • etc.


  Krasis
 
 

Bei der Krasis handelt es sich um eine Vermischung des Endvokals und des Anlautes zweier aufeinander folgender Wörter. Sie wird durch die so genannte Koronis anzeigt. Diese entspricht dem Zeichen des spiritus lenis und steht über der betroffen Silbe. Die Krasis tritt vor allem bei folgen Ausdrücken in Erscheinung:
  • ὦ ἀγαθέ > γαθέ
  • καὶ ἐγώ > κἀγώ
  • ἐγὼ οἶμαι > ἐγᾦμαι
  • τὸ αὐτό > τοὐτό
  • τὰ αὐτά > ταὐτά
  • τὰ ἄλλα > τἆλλα

  Quantitätentausch
 
 

Die Vokalfolge -ηο- (langer Vokal + kurzer Vokal) wird durch die Vertauschung der Quantitäten zu -εω- (kurzer Vokal + langer Vokal) umgebildet.


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